Die Sonne im Gepäck


Ganz so gut fühlte es sich nicht an, als ich an dem Freitag frühmorgens in den Zug nach England stieg. In den letzten paar Tagen hatte der Frühling in der Schweiz so richtig eingeschlagen. Die ersten Schritte auf den Waterlines mitten in der Stadt Bern sind bereits geschehen und nun soll es also in das für Regen bekannte Land gehen…

Eine grosse Familie
Bereits am Tag nach meiner Ankunft in London ging’s direkt in den Slackline-Park. Nicht dass die Londoner Slackliner einen eigenen Park hätten, aber es scheint der einzige zu sein, in dem aktiv balanciert wird. Dafür aber umso mehr. Der Finsbury-Park verströmte echte Lebensfreude, als Eli und ich eintrafen. Von Jonglieren und Akrobatik über Vertikaltuch bis hin zu Acro-Yoga, Slacklinen und so weiter.
Die Londoner Slacklineszene scheint ähnlich wie die in Bern zu funktionieren. Eine knappe handvoll Leute, die sehr aktiv die Jams auf Facebook ansagen und für das nötige Material sorgen und eine ganze Menge spontaner Menschen, die danach dazustossen. Betonen an diesem ersten Tag möchte ich das Gefühl von Zusammengehörigkeit. Es war so wunderbar, all diese eigentlich unbekannten Leute kennenzulernen und trotzdem schon eine Art Verbundenheit zu spüren. Alles offene, fröhliche und gute Menschen, die zusammen diesen sonnigen Samstag genossen. Ich fühlte mich von Beginn an bereits wie Zuhause.

90m, die Königsline in North Wales

North Wales, ab in den Regen?
Bald darauf ging’s mit dem Zug in den Norden. Nach einem kurzen Besuch des Felin Uchaf Centre, ein natural house building project, bei welchem wir mit unserer Mitarbeit durch den Tag Essen und Unterkunft verdienten, fuhren wir weiter nach North Wales. Ein Highline-Meeting in einem der vielen Steinbrüche stand an. In der ersten Nacht vervierfachten wir und einige weitere Slackliner die Schlafplätze in der kleinen aber feinen Wohnung der Locals. Tags darauf starteten wir mit dem Aufbau der Slacklines. Es war ein eher ungewohnter Ort für mich. Einen Steinbruch in dieser Grösse hatte ich noch nie gesehen. Lustig war, dass die Einheimischen stets von Berg und Zustieg sprachen. Kaum aber waren wir mit dem doch eher unhandlichen Gepäck losgelaufen, waren wir schon oben. Da habe ich ein etwas anderes Verständnis von Zustieg und von Bergen…
Die fünf Highlines waren die nächsten paar Tag ganz schön ausgelastet. Es kamen erstaunlich viele Leute, aber dennoch fühlte es sich nicht wie ein völlig überlaufenes Festival an. Anstehen für eine Line musste man kaum.
Gut, und nun zum Wetter. Wenn man von häufig schlechtem Wetter in London oder allgemein in England spricht, dann ist North Wales laut den Einheimischen noch schlimmer. Es habe noch nie jemand eine Highline da oben ohne Regen oder zumindest Wolken und Wind aufgestellt. Naja, all das bekam ich bei strahlendem Sonnenschein und in T-Shirt und kurzen Hosen erzählt. Kein Tropfen Regen fiel über die Tage und die Leute zeigten erfreut ihren Sonnenbrand, mit dem sie bei den Kollegen angeben würden. Ein Sonnenbrand in Wales zu erhalten scheint eine echte Rarität zu sein!
(Am letsten Tag zogen dann einige wenige Wolken auf. Leider kam mir erst dann die Kamera in die Hand und so fehlen jetzt alle Beweisfotos…)

Nahe am Teabag-Leashfall

London und seine automatische Midline-zu-Waterline-Funktion
Zurück in London und nach einigen weiteren Tagen im Park war’s an der Zeit für eine Midline mitten in London. Unterdessen sind Nora und Marc, nach 26 Stunden und 9 Autostopps ebenfalls eingetroffen. Gemeinsam mit Chill, dem guten alten Slack-Daddy von England, ging’s zum Dockland. Ein urbanes Zentrum, das von alter und stillgelegter Industrie, Schleusen und Kanälen geziert ist und nun mit Wohnungen wieder belebt wurde. Um das Stadtfeeling noch perfekt zu machen, lag der Kanal direkt unter der Anflugschneise zum London City Airport. Die landenden Flieger donnerten zum Greifen nah über unsere Köpfe hinweg.
Über das Ende einer Schleuse kam die Midline, praktisch verankert an den alten Verankerungspfosten für die Schiffe. Als wir ankamen konnte man mit gutem Gewissen von einer Midline sprechen, dann aber kam die Flut und damit das kalte Nass mit einem breiten oder eher braunen, dreckigen Grinsen langsam näher. Unsere Line entwickelte sich von «in der Mitte besser nicht mehr fallen» zu «jetzt wird man definitiv nass» zu «okey, jetzt kann ich das mit der Leash auch lassen» hin zur Waterline. Die kurze aber verspielte Line mitten in dieser Grossstadt war echt ein tolles Erlebnis (obwohl ich hier leider nicht von einem unfreiwilligem Themse-Badeabflug erzählen kann).

Wasserballon-Challenge!

Ein Spielplatz und das Slackline-Paradies
Gegen Ende unserer Zeit in England nahm uns Chill mit zu seinem Slackline-Paradies. Er ist auf dem Land südlich von London in Suffolk aufgewachsen. Hier durften wir unsere letzten Tage geniessen. Als wir mitten in der Nacht eintrafen, konnten wir kaum etwas von Chill’s Spielplatz erkennen. Umso grösser war die Freude am nächsten Morgen. Auf der Midline direkt über der Einfahrt kam das Gefühl von Paradies ziemlich schnell. Bei strahlendem Sonnenschein konnte man wortwörtlich über den Frühling spazieren. Die Blüten an den Bäumen zu den Füssen und die weiten Felder, der Fluss und das idyllische Dorf machten die Aussicht auf der Line einfach wirklich paradiesisch!
Da eine einzige Midline für Chill kaum genug wäre, gibt’s im Garten hinter dem Haus einen ganzen Longline-Park. Gleich fünf weitere Lines von Einsteiger bis 80m Monster Rodeo hat «Chill’s Paradise» im Angebot. Die Tage vergingen mit viel Slacklinen, Acro Yoga oder Longboarden wie im Flug. Die Abende und schon fast Nächte ebenfalls, denn die Londoner Slacklineszene kennt seit neustem das Berner Spiel Tichu. Ziemlich eine komische Angelegenheit, irgendwo mitten im Lande von England ein Big Tichu anzusagen. Erwähnen dabei möchte ich, dass Eli und Nora das Spiel tatsächlich inkl. englischer Anleitung in einem Spielladen in London fanden!

Abschliessend kann ich sagen, dass England entweder unter einem ganz traurigen Vorurteil leidet oder dass ich die Sonne beim Packen gleich mitnahm. Während den drei Wochen in England kann ich mich über keinen ernsthaften Regentropfen beklagen. Great Britain, das könnte ich in dieser Hinsicht unterschreiben.

Geschrieben von Benj