Schrappy End

Matthias im Exposure, BOA EY!

Bevor ich zum Projekt komme braucht es einen kleinen Schritt zurück zum Juni 2015, denn kurz vor meiner Abreise in die USA gingen ich und Benj zusammen in die Schrattenfluh um zwei Lines einzurichten. Beide Projekte (41 und 65m) standen seither offen und warteten geduldig darauf, dass wir uns am Riemen nehmen und wieder einen Ausflug über die karge und karstige Flanke der Schrattenfluh hoch zu den exponierten Zacken machen.

Nach der Transalp Tour 2016 war wieder einmal ein Projekt in gemächlichem Tempo mit einem überschaubaren Team angesagt. Einfach mit Freunden die Landschaft und Ruhe der Berge geniessen. Wir beschlossen gleich nach der Transalp zu gehen, konkret fiel die Auswahl auf Mittwoch und Donnerstag. Der Wetterbericht für die zwei Tage wurde nur von grossen gelben Kreisen geziert. Matthias aus Bayern, Benj und ich waren hochmotiviert.

Morgens gegen zehn Uhr kreuzte Matthias bei mir zuhause in Burgdorf auf. Ich war einigermassen bereit und wir luden mein Auto ein. Benj, der die Nacht in Zürich verbracht hatte, war leider nicht so weit. Die eigentliche Abfahrtszeit verschob bis um etwa 11 Uhr nach einem Umweg über Münchenbuchsee zu Benj um nicht auf die ÖV Verbindung zu warten. Wegen der etwas späten Abfahrt liessen wir den Zwischenstopp in der Kambly Fabrik bleiben und fuhren direkt mit nur einem Falschabbieger bis zur kleinen Alpwirtschaft Silwängen. Dort durften wir das Auto nach einem netten Gespräch stehen lassen, der schwer bepackte Aufstieg begann.

Das schroffe Karstfeld auf der Schratte

Freestyle Aufstieg auf die Schratte

Ich hatte Matthias erzählt, dass die Highline ein “plaisir” ist, also keinen langen und/oder technischen Zustieg hat, was in meiner Erinnerung auch durchaus so war. Gut 500 Höhenmeter waren es aber am Ende aber dann doch… Der Wanderweg nach oben führt über das schroffe Karstgestein und man fühlt sich ein wenig wie auf dem Mond, wenn dieser aus Rasierklingen bestehen würde. Wir liefen im ersten Teil eher nach gutdünken als nach den weiss-rot-weissen Markierungen und ich wedelte mit meinen Wanderstöcken, welche ich für unseren Unterstand dabei hatte, munter in der Landschaft umher. Das ging so eine Weile weiter, bis ich den Wanderstock mit der rechten Hand geschickt in einen der unzähligen kleinen aber scheinbar tiefen Spalten setze und ihn für immer versenkte. Mit aufgeschürftem Arm und Ego gings weiter bis unter den Highline Spot. Die letzten Höhenmeter waren etwas technischer als gedacht, aber dazu am besten keine weiteren Details.

Über dem dunstigen Emmental

Über dem dunstigen Emmental

Oben angekommen stand die Lücke in ihrer vollen Pracht da, wie ich und Benj sie vor über einem Jahr im Nebel verlassen hatten. Die Vorfreude war riesig und die Line liess sich relativ gut aufstellen. Das Emmental zur rechten Seite war von geradezu mystisch leuchtendem Dunst überzogen, aber gerade so, dass man die Hügel noch gut sehen konnte, die Alpenkette links war durch keine Wolke getrübt. Wir kamen aus dem Grinsen nicht mehr heraus! Nach einigem hin- und her musste ich mich als erster über den Abgrund wagen. Geschätzte 100-150 Meter hoch ist die Line und sie sorgt für ein ordentliches kribbeln. Ich konnte sie während der goldenen Stunde gleich beim ersten Versuch begehen und Benj war dabei atemberaubende Fotos zu schiessen. Im Sonnenuntergang spazierte Matthias über die Line und die Stimmung war nicht zu überbieten, zumindest sieht das auf den Fotos so aus, denn ich war derweil wieder am herunterrennen um meinen Autoschlüssel zu finden, da ich mir leider nicht sicher war, ob ich ihn in der Zündung vergessen hatte oder ob er mit dem Wanderstock unauffindbar von der Schratte verschluckt worden war; letzteres wäre ein wenig ungeschickt gewesen. Das Freudegefühl beim Auffinden im Auto war die 500 Höhenmeter Auf- und Abstieg schon fast wert.

Als ich mich wieder zu den anderen gesellt hatte machten wir ein leckeres Abendessen und spielten ein wenig mit unseren Kameras herum um die vielen Sterne einzufangen. Benjs Stativ wurde kurzerhand als Ersatz für den verschollenen Wanderstock genutzt um das Tarp für das Bivouac zu aufzustellen, damit wir am Morgen nicht gleich die pralle Sonne ins Gesicht kriegen würden.

Sternenhimmel

Am nächsten Morgen, nach einem gewohnt guten Müsli, holte sich auch Benj noch die Begehung und wir verbrachten alle noch ein wenig Zeit auf der Line. Einige Wanderer mit ausgestrecktem Zeigefinger unten auf dem Wanderweg leisteten uns Gesellschaft. Zeitig war die wunderschöne Line dann aber auch wieder abgebaut und wir machten uns auf den Weg nach unten. Ein feines glace in Silwängen beendete den Abstieg und die Wirtin schaute sich unsere Fotos an. Das Auto wollte leider angeschoben werden, da ich den Schlüssel nicht einmal zurückgedreht hatte und die Batterie leer war. Gut gelaunt und ziemlich fertig von den Vergangenen Wochen mit Youth in Action, Bern City Slack, Transalp Tour und jetzt der Schrattenfluh fuhren wir schnurstracks in die Kambly Fabrik wo wir uns bis zum Bauchkrampf mit ‘Güetzi’ vollstopften.

Die Line hat den Namen ‘Schrappy End’ erhalten, da sie trotz langem warten doch noch aufgebaut und begangen wurde. Dazu kommt das Ende eines intensiven Slackline Sommers, speziell für Matthias der scheinbar nicht viel anderes gemacht hat, aber auch für Benj und mich. Auch die Geschichte mit dem Autoschlüssel ging gut aus und der Name lässt sich weiter auf unsere ‘Güetzi’ Orgie danach beziehen, das letzte “i”-Tüpfli. Die Schratte war gut zu uns.

Die kleine unbenannte Schwester der Line, die auch im Juni 2015 eingerichtet wurde (41m), wartet gleich nebenan noch auf bessere Tage.

Geschrieben von Marc